Zum Tod von Hanna Renate Laurien

Wir erinnern uns in diesen Tagen an unsere frühere Schulleiterin Hanna Renate Laurien, die am 12. März 2010 im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben ist.

Lebensstationen

  • geb. 1928 in Danzig
  • aufgewachsen in der Lausitz und in Berlin
  • Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie mit Promotion
  • Mitbegründerin der Freien Universität Berlin als Gegenmodell zur SED- kontrollierten Humboldt-Universität im Ostteil der Stadt
  • Lehrerin in Euskirchen und Bonn
  • Tätigkeit im Kultusministerium NRW
  • Fachleiterin
  • 1965-1970 Schulleiterin der Königin Luise-Schule in Köln
  • Ministerialdirigentin (Staatssekretärin) im Kultusministerium von Rheinland-Pfalz
  • Kultusministerin von Rheinland-Pfalz
  • Schulsenatorin in Berlin
  • Präsidentin des Berliner Senats und stellvertretende Bürgermeisterin von Berlin
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Eine Aufzählung der meistverwendeten Adjektive im Zusammenhang mit Hanna Renate Laurien zeichnet bereits ein eindrucksvolles Bild ihrer Persönlichkeit. Hartnäckig und beharrlich wird sie genannt, streitbar und resolut, aber auch selbstlos, uneigennützig und unkompliziert. Auch Begriffe wie Fairness, Kampfgeist, Wortwitz und Temperament tauchen immer wieder auf. Klugheit, Redlichkeit, Prinzipienfestigkeit und Leidenschaft bescheinigte ihr Bundespräsident Köhler in seiner Laudatio aus Anlass ihres 80. Geburtstages 2008.
„Eine ebenso disziplinierte wie menschenfreundliche Intelligenzbestie“ nannte sie einmal die Wochenzeitschrift  DIE ZEIT, in Berlin erwarb sie sich den Spitznamen „Hanna Granata“ durch ihre Schlagfertigkeit und Durchsetzungskraft.

Was aus ihrer Kölner Zeit in Erinnerung geblieben ist, lässt sich Gesprächen mit ehemaligen Schülerinnen und Lehrern/innen entnehmen.
Ein Aufatmen ging damals durch die Schülerinnenschaft der KLS: Kein Abschminken vor dem Schultor mehr, kein hastiges Wechseln von Kleidungsstücken, plötzlich waren solch revolutionäre Dinge wie Make-Up, offene Schuhe oder gar Hosen in der Schule für die Mädchen nicht nur denkbar, sondern sogar erlaubt. Hanna Renate Laurien zog mit der ihr eigenen Verve gegen den vorherrschenden konservativen Erziehungsstil der 60er Jahre zu Felde.
Sie wurde Schulleiterin der KLS in einer Zeit, in der es keineswegs üblich war, schwangere Schülerinnen zum Abitur zuzulassen. Frau Dr. Laurien tat aber genau das, obwohl es der damals gängigen Praxis und sogar geltendem Recht widersprach. Ebenso verhinderte sie disziplinarische Maßnahmen gegen eine unverheiratete schwangere Lehrerin.
Auch ehemalige Lehrer/innen der KLS erinnern sich an die Schulleitung von Frau Dr. Laurien als eine Zeit des Aufbruchs und großer Dynamik. Von ihr initiiert und unter enormem Einsatz der Lehrerschaft realisiert, wurde die KLS zu einer von bundesweit drei Modellschulen, an denen Schulversuche zur Neugestaltung der Sek. II durchgeführt wurden. Das sog. „Kölner Modell“ testete eine damals völlig neue Form der Lernorganisation: Das Kurssystem trat an die Stelle des Klassenverbandes. Vieles von dem, was in der Folge als „Reformierte Oberstufe“ institutionalisiert wurde, wurde 1969 bis 71 an der KLS erfolgreich erprobt.
Ihr Kollegium schätzte Frau Dr. Laurien sehr, einige Lehrer/innen hätte sie am liebsten mit nach Rheinland-Pfalz genommen oder nachgeholt, als sie dort als Kultusministerin in Amt und Würden war. Dass diese Wertschätzung auf Gegenseitigkeit beruhte zeigt sich u.a. darin, dass noch über viele Jahre hinweg Kontakte zwischen Lehrerinnen und Lehrern des KLS und ihrer ehemaligen Schulleiterin bestanden, auch bis in ihre Berliner Zeit.

Hier setzte sie schon zu Anfang der 80er Jahre Maßnahmen zur Förderung von Schülern/innen mit Migrationshintergrund durch und betonte die Notwendigkeit ihrer Integration.
1992, als das Wiedererstarken des Rechtsradikalismus die Menschen überall in der BRD bewegte (man denke nur an die Großdemonstration auf dem Kölner Chlodwigplatz), war es in Berlin Hanna Renate Laurien, die zu einer Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus aufrief.
Ein zentrales Anliegen, an dem ihr gesamtes politisches Handeln konsequent orientiert war, war das Ziel der Gleichberechtigung von Frauen in allen Lebensbereichen..
Wie sehr sie sich auch nach ihrem Rückzug aus der aktiven Politik weiterhin einmischte und zu wichtigen gesellschaftlichen Themen Stellung bezog, zeigt z.B. ihre Rede aus dem Jahr 2004 gegen den „schamlosen Mythos“ um Rudolf Hess (zeitweise Stellvertreter Hitlers), dessen Todestag von Neonazis regelmäßig als Anlass für Kundgebungen genutzt wurde und wird.
„Liebe Frau Laurien, wir könnten von Ihrer Sorte Politiker heute mehr gebrauchen!“ Zu diesem Fazit gelangte Bundespräsident Köhler gegen Ende seiner Geburtstagsrede 2008. Und wenn wir uns so in der heutigen politischen Landschaft umschauen, sind wir da nicht geneigt, ihm zuzustimmen?
Und dann wünschte der Bundespräsident der Jubilarin noch viele Lebensjahre: „Ad multos annos!“ Leider sollte dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen.


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