Liselotte Sussmann

von Dante Dietrich

Diese Arbeit hat das Ziel, über den tragischen Fall der Familie Sussmann zu berichten und damit einer Person, die mit unfassbarem Mut zu Zeiten des Dritten Reichs gelebt hat, gerecht zu werden, indem das Leben der Liselotte Sussmann bestmöglich nachvollzogen und recherchiert wird.
Tragischerweise ist die Familie Sussmann nahezu ein Musterbeispiel dafür, wie die Nazis jüdischen Familien langsam aber sicher jedes Recht auf Würde und Besitz raubten. Sowohl durch immer mehr antisemitische Gesetze, als auch durch grundlose Festnahmen verlor die Familie Sussmann Verwandte und Freunde, so dass ihr Leben durch die Herrschaft der Nazis und deren Gesetze auf das Äußerste eingeschränkt wurde.

Einen besonderen Fokus in dieser Arbeit nimmt natürlich Liselotte Sussmann ein. Die ehemalige Schülerin der Königin-Luise-Schule lebte schon im jungen Alter in Angst, versteckt und ständig auf der Flucht. Glücklicherweise war sie erfolgreich und überlebte das Dritte Reich. Allerdings beging sie 1980 Selbstmord, vier Jahre nachdem ihre Mutter gestorben war. Wie viel eine Kindheit in Angst vor dem Tod damit zu tun hat, kann man heute nur mutmaßen, aber eins ist klar: Liselotte Sussmann ist es wert, sich an sie zu erinnern!
Glücklicherweise bekam ich die Möglichkeit, mich mit einer Person zu unterhalten, die Liselotte persönlich gekannt hatte. Sie war die Tochter einer der besten Freundinnen von Liselotte und in Kindheitstagen wurden sie häufig von ihr besucht. Es ist eine große Seltenheit, dass es möglich ist, sich mit Personen zu unterhalten, die die Schülerin direkt kannten. Es hilft sehr dabei, ein besseres Bild von der Person zu bekommen und nicht nur biographisch ein Leben zu beschreiben.

Die Ausgangssituation

Liselotte Sussmann wurde am 7. Dezember 1930 in Köln als einziges Kind eines jüdisch-protestantischen Paars geboren. Ihr Vater Georg Ludwig Sussmann und ihre Mutter Alma Sussmann geb. Enders waren damals wirtschaftlich sehr gut aufgestellt. Georg war selbstständiger Handelsvertreter im Textilfach, und so konnte sich das frisch verheiratete Paar sogar ein Zweifamilienhaus in der Sielsdorfer Straße 2 in Köln kaufen und eine der beiden Wohnungen vermieten. In diesem Haus wohnten sie gemeinsam mit der inzwischen verwitweten Großmutter von Liselotte, Klara Sussmann. Vermutlich bot der Sohn Georg ihr an, dort zu wohnen. Das Haus befand sich im Stadtteil Lindenthal, welcher damals wie heute zu einem der wohlhabenderen Stadtteile zählte. Zum Zeitpunkt der Machtergreifung im Jahre 1933 hatte Familie Sussmann ein Vermögen von 80.000 Reichsmark.

Als am Abend des 15.09.1935 die “Nürnberger Gesetze” beschlossen und einen Tag später verkündet wurden, trat das Reichsbürgergesetz in Kraft. Dessen „Erste Verordnung“ wurde am 14.11.1935 veröffentlicht und damit wurden Liselotte und ihre Familie erstmals in rassische Kategorien eingeteilt. Liselotte galt von nun an als sogenannte “Halbjüdin” beziehungsweise “Mischling 1. Grades”, also als eine Person mit einem jüdischen Elternteil, die selbst nicht der jüdischen Religion angehörte. Ihr Vater Georg galt als “Volljude”, da er zwei jüdische Elternteile hatte. Ihre Mutter Alma, deren Eltern Christen waren, wurde von den Nazis als “jüdisch versippt” eingeordnet. Die Ehe der beiden galt als “privilegierte Mischehe”, da die Tochter Liselotte nicht der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte und auch nicht jüdisch erzogen wurde.
Wäre Liselotte im jüdischen Glauben erzogen worden, hätte die Familie den Status der „privilegierte Mischehe“ verloren und Liselotte wäre als sogenannte “Geltungsjüdin” geführt worden.

Soziale Auswirkungen antisemitischer Gesetze auf die Familie Sussmann

Im August 1938 wurde die Zweite Verordnung zur Durchführung des „Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen” veröffentlicht. Sie besagte, dass alle deutschen Juden ihren Vornamen ergänzen mussten, die Männer um den Zusatz “Israel” und die Frauen “Sara”. Georg hieß also fortan “Georg Israel Sussmann”. Zwei Monate darauf musste auch der Pass von Georg mit einem großen roten “J” gekennzeichnet werden. Am 01.11.1938 wurde dann vom Nazi-Regime beschlossen, die Juden vollständig von der sozialen Teilhabe an der Gesellschaft auszuschließen. Von nun an war Juden nicht nur der Besuch jeglicher kulturellen Orte wie etwa Museen, Kinos, Bibliotheken, Theater untersagt, sie durften fortan auch keinen Freizeitaktivitäten wie bspw. Schwimmbadbesuchen nachgehen. Diese Beschlüsse spalteten die Juden gänzlich von der Gesellschaft ab.

Eine Woche später, am 9.11.1938, fand die Reichspogromnacht statt. In dieser Nacht wurden in ganz Deutschland wahllos jüdische Schulen, Geschäfte, Wohnungen und Synagogen zerstört und in Brand gesteckt. Viele Juden wurden in dieser Nacht in Konzentrationslager deportiert. Die Schuldigen wurden nicht zur Rechenschaft gezogen. Die Nacht ist ein denkwürdiges Ereignis in der deutschen Geschichte.
Familie Sussmann traf es in dieser Nacht besonders schlimm. Sowohl Georg als auch sein Bruder Richard Sussmann wurden in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Richard war Rechtsanwalt am Oberlandesgericht, bis seine Zulassung im Juli 1933 aberkannt wurde. Daraufhin wurde er Syndikus des Zentral-Vereins für das Rheinland. Die beiden Brüder hatten Glück und wurden kurz nach der Reichspogromnacht wieder entlassen. Allerdings zog sich Richard in Dachau eine schwere Lungenentzündung zu und verstarb ein paar Wochen später. Georg wiederum fand Arbeit in einer Judenkolonne für einen Hungerlohn.

Die Entwürdigungen und Ängste müssen für Georg und die Familie ein unzumutbares Ausmaß angenommen haben, denn er beschloss Ende der dreißiger Jahre, Deutschland ohne seine Frau und seine Tochter zu verlassen. Ob er dies auch zum Schutz seiner Familie tat, ist ungeklärt. Die Vermutung liegt aber nahe, da Georg immer nur auf das Wohl seiner Familie bedacht war und es vermutlich nicht aushalten konnte, sie in Gefahr zu bringen.

Stolpersteinbericht Nr. 62 Georg Sussmann
(Quelle: Stolpersteinbericht Nr. 62 Georg Sussmann)


Dieser Antrag wurde abgelehnt.

Stattdessen folgte im September 1941 eine weitere Demütigung: der Judenstern. Ab sofort war Georg gezwungen, offen einen Judenstern zu tragen.

Eine Zeitzeugin, die häufig im gleichen Zug wie Liselotte mit ihr zur Schule fuhr, erinnerte sich, dass ihr Liselotte immer sehr leid tat, da sie durch den Judenstern “gebrandmarkt” war. Liselotte hatte allerdings nie einen Judenstern tragen müssen. Lediglich “Volljuden”, wie Georg einer war, mussten den Judenstern ständig auf ihrer Brust tragen. Liselotte, die als Halbjüdin bezeichnet wurde, hätte diesen Stern folglich nicht tragen müssen. Die Zeitzeugin lügt aber keineswegs, sie erinnert sich nur falsch. Das ist ein häufiges Phänomen bei Zeitzeugenaussagen. Wenn etwas sehr lange her ist und man weiß, dass Juden damals den Judenstern tragen mussten, dann verschwimmt häufig die Erinnerung. Die Zeitzeugin wusste, dass Liselotte Jüdin war und so hatte sich eben die Erinnerung an sie über die Jahre verfälscht. Solchen Leuten ist aber kein Vorwurf zu machen, da sie es sicherlich ohne Absicht tun und es ganz normal ist, sich nach 50 Jahren nicht mehr richtig an Details zu erinnern.

Wirtschaftliche Auswirkungen antisemitischer Gesetze auf die Familie Sussmann

Wie bereits geschildert war Familie Sussmann Anfang der 30er Jahre finanziell überdurchschnittlich gut aufgestellt.
Als am 30.01.1933 Adolf Hitler an die Macht kam, spürte sie dies sofort. Weniger als einen Monat nach Amtsantritt sprach der neue Propagandaminister Joseph Goebbels den sogenannten Judenboykott aus. Es war eine Aufforderung an alle deutschen Bürger, jüdische Geschäfte zu boykottieren. Welches Ausmaß dieser Boykott auf die Einnahmen der Familie Sussmann hatte, ist schwer zu sagen. Allerdings gab Georg Sussmann, welcher ebenfalls das Dritte Reich überlebte, nach dem Krieg beim Amt für Wiedergutmachung folgendes an.

“Ich war selbstständiger Handelsvertreter im Textilfach. Der 1933 gleich nach der Machtergreifung einsetzende Boykott erschwerte meine Tätigkeiten erheblich. Das Einkommen verminderte sich erheblich, die Umsätze gingen mit den Jahren immer mehr zurück.”

Das spiegelte sich nicht zuletzt in seinem monatlichen Durchschnittseinkommen wider, welches er ebenfalls über die Jahre in seinem Bericht angibt. Von 1919 bis 1932 bezog Georg damals durchschnittlich 1.500,- Reichsmark (RM). In den Folgejahren von 1933 bis 1938 gingen seine Einnahmen stark zurück, so dass er auf ein monatliches Einkommen von 1.000,- RM kam. Dies spricht deutlich für einen antisemitischen Wandel in der Gesellschaft, da immer mehr Bürger jüdische Geschäfte boykottierten.
1938 befand sich das Dritte Reich in einer finanziellen Notlage, die sich - nicht zuletzt wegen der Aufrüstung der Wehrmacht - zugespitzt hatte. Daher musste im Frühjahr dieses Jahres jeder Jude mit einem Vermögen von mehr als 5.000,- RM dieses auch anmelden. Die sogenannte “Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden” führte im Verlauf des Jahres zu einer von den Nazis angeordneten “Judenvermögensabgabe” bzw. zur “Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit”. Diese Verordnung besagte, dass jeder deutsche Jude mit einem Vermögen von über 5.000,- RM 20 Prozent davon in vier Raten binnen eines halben Jahres beim städtischen Finanzamt abgeben musste. Des Weiteren besagte es, dass - sollte damit nicht die Gesamtsumme von einer Milliarde Reichsmark erreicht werden - weitere Ratenzahlungen fällig würden, was dann später auch der Fall war.
Der Vorwand für diese Maßnahme war, dass die Nazis die Kosten der Zerstörung in der Reichspogromnacht durch die Juden stemmen wollten.
Georg gab diese Judenvermögensabgabe auch in seinem Bericht an. Er musste 4.000,- RM an das Finanzamt der Stadt Köln bezahlen. Georg hatte es geschafft, ein Vermögen von 20.000 RM zu bewahren, nach der Judenvermögensabgabe betrug es also noch 16.000 RM. Doch auch dieses, noch stattliche, Vermögen verringerte sich schnell.

“Das Einkommen verminderte sich erheblich, die Umsätze gingen mit den Jahren immer mehr zurück, bis im Jahre 1938 das endgültige Gewerbeverbot für Juden herauskam.”

Am 12.11.1938, also kurz nach den Novemberpogromen, wurde die “Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben” erlassen. Georg war es nun nicht mehr erlaubt, seiner Tätigkeit als Handelsvertreter im Textilfach nachzugehen, was erhebliche Auswirkungen auf die Finanzen der Familie Sussmann hatte, da er der Alleinverdiener im Haushalt war.

“Erst ab Ende 1939 gelang es mir, im “jüdischen Arbeitseinsatz” in sogenannten “Judenkolonnen” Arbeit vermittelt zu bekommen.”

Sein monatliches Durchschnittseinkommen von 1939 bis 1944, was vorher immerhin noch 1.000,- RM betragen hatte, fiel nun auf 130,- RM, lediglich ein Bruchteil seiner bisherigen Einkünfte.

Das Leben für Familie Sussmann wurde allerdings noch härter, denn am 03.12.1938 wurde die “Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens” erlassen, welche besagte, dass alle deutschen Juden ihren Grundbesitz verkaufen, ihre Wertpapiere bei einer Devisenbank hinterlegen mussten und Juwelen, Edelmetalle und Kunstgegenstände nicht mehr frei veräußern durften. Wenig später wurde ihnen unter Strafandrohung auferlegt, Wertgegenstände bis zum 31. März 1939 bei staatlichen Ankaufstellen abzuliefern. Georg versuchte noch, das Haus an Liselotte, die keine “Volljüdin” wie Georg war, zu übertragen.


Stolpersteinbericht Nr. 62 Georg Sussmann
(Quelle: Stolpersteinbericht Nr. 62 Georg Sussmann)

Doch dieser Antrag wurde abgelehnt, und so musste Georg sein Haus in der Sielsdorfer Str. 2 zu Beginn des Jahres 1939 weit unter Wert verkaufen.
Statt einer Wertsteigerung erlitt die Familie einen massiver Wertverlust von 46 Prozent. Den Erlös aus dem Hausverkauf musste Georg, nach Abzug der Maklergebühren und der Ablösung der Hypothek in Höhe von 5.000 - RM, auf sein Postscheckkonto einzahlen. Über das Geld durfte er allerdings nicht frei verfügen, sondern bekam lediglich sieben Monate lang 400,- RM als Lebensunterhalt ausgezahlt, bis sein Konto komplett gesperrt wurde. Des Weiteren musste Georg, wie er ebenfalls in seinem Bericht anführt, Möbel, Gemälde und sein Auto unter Wert verkaufen, was einen Verlust von fast 28.000 RM zu Folge hatte.

Nach dem Verkauf musste die Familie in eine wesentlich kleinere Wohnung in der Aachener Straße 966 umziehen und konnte sich mit den 400,- RM gerade so über Wasser halten.

Als das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) unter der Führung Heinrich Himmlers am 20.09.1939 den Erlass herausbrachte, dass Juden keine Radios mehr besitzen dürfen, wurde kurz darauf das Radio der Familie Sussmann beschlagnahmt.
Die Familie Sussmann ist somit nahezu ein Musterbeispiel einer wirtschaftlich überdurchschnittlich gut aufgestellten jüdischen Familie, die aufgrund des NS-Regimes langsam aber sicher in die Armut abrutschte. Auch wenn Liselotte noch sehr jung war, als ihr Vater langsam seinen Beruf, sein Einkommen und die Familie ihr Haus verlor, ist anzunehmen, dass sie sich im Klaren darüber war, warum die Familie auf einmal in eine kleinere Wohnung umziehen musste und die Gestapo das hauseigene Radio beschlagnahmte. Der Verlust von Gemälden, dem Auto und der großartigen Wohnlage, zusammen mit der ständigen Hasspropaganda und den sozialen Einschränkungen und Ausgrenzungen, wird ihr sicherlich klar gemacht haben, dass ihre Familie und besonders sie selbst in dieser Gesellschaft und in diesem Land nicht erwünscht waren.

Die Kriegsjahre

Zu Beginn des Krieges war Liselotte gerade einmal acht Jahre alt. Sie besuchte wahrscheinlich, wie die meisten Kinder damals, seit ihrem sechsten Lebensjahr eine Grundschule. Welche Schule es war, ist leider nicht überliefert. Liselotte wechselte im September 1941, unter Geheimhaltung ihrer Abstammung, auf die Königin-Luise-Schule in Köln. Anders als heute begannen die Schuljahre damals nicht im Spätsommer, sondern zu Ostern. Liselotte stieg also mitten ins Schuljahr ein. Sie hätte sogar legal auf die Schule gehen können, allerdings durften um diese Zeit gerade einmal 5% der Schüler einer Schule "Halbjuden" sein. "Volljuden" waren seit November 1938 nicht mehr an deutschen Schulen zugelassen da es: “keinem deutschen Lehrer […] mehr zugemutet werden (kann), an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, dass es für deutsche Schüler unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen". Dementsprechend ist es gut möglich, dass Familie Sussmann versuchte, die Herkunft von Liselotte zu verbergen, da sie fürchteten, sie würde keinen Platz mehr bekommen oder Angst davor hatten, dass wenig später auch ein Schulverbot gegen "Halbjuden" folgen würde. Vermutlich taten sie das auch, um Liselotte weitere Demütigungen im Schulalltag zu ersparen. Dennoch verbrachte Liselotte nur ein gutes halbes Jahr auf der Königin-Luise-Schule, da die Familie im April 1942 nach Rosbach-Seifen im Bergischen Land zu der Großmutter mütterlicherseits zog. Warum die Familie umgezogen ist, ist nicht genau bekannt, allerdings gibt es mehrere gute Gründe: Zum einen war die Miete in Köln-Müngersdorf für eine Familie mit so geringem Einkommen sicherlich eine schwere Last. Zum anderen starb kurz vorher Liselottes Großvater Karl Enders, so dass der Umzug zur Großmutter Emilie auch familiäre Gründen haben konnte. Ein weiterer möglicher Grund wäre der Schutz des Vaters, der mehr und mehr in Gefahr geriet.
Zudem war das Leben auf dem Land in den Kriegsjahren leichter und sicherer. Hierzu ist zu sagen, dass nach der Wannsee-Konferenz, die im Jahr 1941 stattfand, auch der Druck auf “Mischlinge” stieg. Aus den Protokollen ist zu erkennen, dass die Nazis bei der “Endlösung” auch die Auslöschung der “Halbjuden” als Ziel hatten.
Von nun an lebte die Familie also im 60 Kilometer entfernten Rosbach-Seifen an der Sieg, dennoch fuhr Georg jeden Tag nach Köln zu seinem Arbeitsplatz. Auch Liselotte musste täglich pendeln. Sie fuhr jeden Tag 35 Kilometer nach Siegburg, weil sie dort, ebenfalls unter Geheimhaltung ihrer Abstammung, auf der städtischen Oberschule für Mädchen angemeldet war.
Liselotte erzählte nach dem Krieg einer guten Freundin, dass sie häufig ein Kopftuch getragen habe, damit man nicht auf Anhieb ihre schwarzen Haare sah und niemand ihre nicht-arischen Wurzeln erahnen könne. An Geschichten wie diesen lässt sich die starke Angst erkennen, in der Liselotte, ihre Familie, aber auch die meisten anderen Juden zu jener Zeit in Deutschland gelebt haben.
Doch auch die städtische Oberschule besuchte sie nur ein Schuljahr lang, denn ab September 1944 war die Familie, um den nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen zu entgehen, gezwungen, abzutauchen und fortan illegal zu leben. Diese Verfolgungsmaßnahmen richteten sich schon länger gegen Georg Sussmann, aber nun kamen auch Vorladungen der Gestapo für Alma Sussmann. Die Schwägerin von Georg, Magda Sussmann, welche derweilen als Witwe mit ihren und Richards Kindern Tana und Marion bei ihrem Bruder untergekommen war, wurde im Dezember 1943 mit ihrer gesamten Familie nach Riga deportiert. Es ist gut möglich, dass Georg davon etwas mitbekommen hatte und sich Sorgen um seine eigene Familie machte.
Von nun an waren sie also zu größeren Ortswechseln gezwungen. Die Flucht im September bis zum Kriegsende im Mai 1945 dauerte 180 Tage. In dieser Zeit musste sich die Familie ohne Lebensmittelkarten im Wert von 20,- RM pro Tag und Person selbst versorgen. Das führte dazu, dass alle Lebensmittel und Dienstleistungen “schwarz” bezahlt werden mussten, was deutlich teurer war. Doch die Sussmanns hatten Glück und kamen in Königswinter auf dem Dachboden eines evangelischen Pfarrhauses unter. Ob sie den Pfarrer persönlich kannten, ist leider nicht überliefert, aber so oder so war es unglaublich mutig von ihm, die Familie bei sich aufzunehmen und sie bis zum März 1945 zu verstecken.
Bis die Amerikaner von der Westfront aus Deutschland befreiten, blieb die Familie in den letzten Wochen von März bis Mai 1945 in einem Bunker in Bad Godesberg, getarnt als Christen zusammen mit anderen Deutschen.

Die Nachkriegszeit

Nach der Befreiung durch die Amerikaner schaffte Liselotte es, wieder die “Höhere Schule” zu besuchen. Sie war in der Studienanstalt St. Antonius in Bad Godesberg, von der sie nach der zehnten Klasse abging. Zunächst beabsichtigte Liselotte mehrere Sprachen zu studieren, um dann das Dolmetscherexamen in Französisch, Spanisch und anderen Sprachen zu machen. Den Berufswunsch Dolmetscherin konnte sie sich zwar nicht erfüllen, aber sie bekam immerhin eine Stelle als Sekretärin bei den Vereinten Nationen (UNO) in Bad Godesberg.

Georg arbeitete fortan als Verwaltungsangestellter der Stadt Bonn, womit er zwar seinen Lebensunterhalt sichern konnte, aber bei weitem nicht das Gehalt wie vor dem Dritten Reich bekam. Er stellte zwar einen Antrag an das Amt für Wiedergutmachung (AfW), woraus auch viele Informationen über die Geschichte der Familie Sussmann entnommen werden konnten, bekam allerdings so nicht ansatzweise das verlorene Geld zurück. Auch gab es unersetzliche Verluste wie seinen älteren Bruder, der tragischerweise nach der Deportation in das KZ Dachau gestorben war. Georg selbst verstarb im Jahre 1959 in Bad Godesberg.

Alma bekam eine kleine Witwenrente. Sie war nach den schweren Kriegsjahren auf der Flucht gesundheitlich schwer angeschlagen und litt unter Herzunruhe und Schwindel. Sie starb 17 Jahre nach dem Tod ihres Mannes am 12.02.1976 mit 74 Jahren.
Liselotte verbrachte den Rest ihres Lebens in Bad Godesberg, ledig und kinderlos. Vier Jahre nach dem Tod ihrer Mutter nahm sie sich das Leben. Sie erhängte sich in ihrer Wohnung in Bad Godesberg.

Liselotte Sussmann - ein Nachruf

Liselotte Sussmann selbst ist die wahrscheinlich tragischste Figur in dieser Geschichte. Ihre komplette Kindheit lang litt sie unter der Hetze und der Erniedrigung durch die deutsche Gesellschaft und das NS-Regime. Sie wurde gedemütigt und bloßgestellt, und zwar nur, weil ihr Vater ein Jude war. Ihre Familie verlor ihr gesamtes Hab und Gut und rutschte in den finanziellen Ruin ab. Schließlich wurde sie mit sieben Jahren durch ein Verbot, in Schwimmbäder, Kinos oder zu Konzerten zu gehen, komplett aus der Gesellschaft und dem sozialen Leben ausgeschlossen. Schon in jungen Jahren ging sie nicht nur unter Geheimhaltung ihrer Herkunft zur Schule, sondern war zudem gezwungen, ein halbes Jahr lang versteckt auf einem Dachboden in einem Pfarrhaus zu leben, in dem Wissen, dass sie und ihre Familie als Feinde der Gesellschaft betrachtet wurden, ähnlich wie gesuchte Verbrecher. Dabei hatten sie gar nichts verbrochen. Liselotte zog sich fast zwei Jahre lang jeden Morgen ein Kopftuch an, damit in der Bahn niemandem ihre schwarzen Haare auffielen, aus der Angst, man könne sehen, dass sie nicht "arischer" Abstammung war. Was dieses Mädchen in der Kindheit alles durchgemacht haben muss, ist unbegreiflich schrecklich.

Doch glücklicherweise hatte sie diese Phase ihres Lebens überstanden und ist nicht, wie circa sechs Millionen andere Juden, von den Nazis getötet worden. Die Tochter der besten Freundin Liselottes erinnert sich gut daran, wie Liselotte früher häufig zu Besuch kam. Ihr Eindruck war, dass sich Liselotte durch ihre schreckliche Vergangenheit keineswegs hat beirren lassen. Im Gegenteil, sie war, laut Aussage der Freundin, eine sehr starke Frau geworden, die stets eine gewisse Eleganz ausstrahlte. Liselotte hatte einen ausgefallenen Geschmack und liebte es, sich zu Großereignissen sehr kreativ und mit viel Stil zu kleiden. Gemeinsam mit der Freundin zogen sich die beiden gerne für Künstlerbälle oder Karnevalsveranstaltungen auffallend an. Trotz der schrecklichen Kindheit war Liselotte eine sehr kultivierte und auch extrovertierte Persönlichkeit geworden, die stets einen gewissen Stolz ausstrahlte. Auch war Liselotte nicht vereinsamt, sie hatte nach dem Krieg viele Freundinnen, die sie bis zu ihrem Tod begleitet haben.

Über ihren Selbstmord und die Beweggründe möchte ich mir nicht anmaßen zu spekulieren. Dieses Vorhaben bzw. den Wunsch danach besprach Liselotte wohl nicht einmal mit ihrer besten Freundin. Sowohl sie als auch ihre Tochter konnten über die Komplexität der Motive nur Vermutungen anstellen, die in die Privatsphäre von Liselotte Sussmann gehören und dort bleiben sollen.

Allerdings gibt es Vergleichsfälle, die der Projektkurs Geschichte im Zuge der Recherche zu Biographien anderer jüdischer Schülerinnen der Königin-Luise-Schule entdeckt hat. Beispielsweise beging der Bruder von Elsie Berg, welche bereits einen Stolperstein vor unserer Schule bekommen hat, im Jahre 1937 Selbstmord, mutmaßlich als Reaktion auf die Diskriminierung.

Elsbeth von Almen ist ein weiteres Beispiel. Sie war, wie Liselotte, eine Kölner “Halbjüdin”, bei der man annehmen würde, dass sie weniger bedroht war als eine “Volljüdin”, doch dem war nicht so. Auch Elsbeth lebte lange Zeit im Untergrund und schrieb eine bemerkenswerte Biographie darüber. Sie heißt “Köln Appellhofplatz”. In dieser steht: „Das Leben in der damaligen Zeit zu schildern ist kaum möglich. Die täglichen (Bomben-) Angriffe waren mir völlig gleichgültig geworden. […] Aber die Angst – es gibt keinen Ausdruck dafür  - verhaftet, abgeschleppt zu werden, die ist nicht zu schildern. Das kann nur der nachfühlen, der in der gleichen Lage war.“ Später schreibt sie noch: „12 Jahre Diskriminierung, Verfolgung fallen nicht wie Fesseln ab. Sie tragen unauslöschbare Spuren“. 

Auch Anni Adler, die ebenfalls Kölner Jüdin war, gab ein sehr lesenswertes Interview in dem Buch: “Ich habe Köln doch so geliebt”. Bei dieser sehr emotionalen Lebensgeschichte heisst es: “[Die Schülerinnen] versteckten mir die Butterbrote oder, wenn sie irgendetwas in der Klasse getan hatten, schoben sie es mir in die Schuhe. Einige Mädchen verprügelten mich auch. Ich habe wirklich sehr gelitten in dieser Zeit.”

Es ist anzunehmen, dass solch eine furchtbare Kindheit auch bei Liselotte ihre Spuren hinterlassen hat, schließlich war sie in einer sehr ähnlichen Lage wie Elsbeth von Ameln und Anni Adler. Der alleinige Grund wird es sicherlich nicht gewesen sein, aber eine Kindheit in Angst und Diskriminierung, die ein normales Erwachsenwerden nicht erlaubt, wird sicherlich Ihren Teil dazu beigetragen haben.

Dennoch ist alles in allem sicherlich festzuhalten, dass Liselotte Sussmann zwar eine sehr tragische Person war, aber auch eine der stärksten, die ich “kenne”. Sie hat nicht nur diese schreckliche Kindheit überstanden, sondern sie hatte weiter Spaß am Leben und genoss es, mit Freundinnen auszugehen und kreative Kleidung zu tragen. Sie war eine unfassbar starke Frau.

 

Für mich war es etwas ganz besonderes, mich so intensiv mit dem Leben eines Menschen auseinanderzusetzen. Durch die ganze Recherche würde ich mittlerweile behaupten, dass ich Liselotte Sussmann richtig kennen gelernt habe, ohne sie jemals getroffen oder gesehen zu haben, geschweige denn zur selben Zeit wie sie gelebt zu haben. Besonders geholfen hat dabei mein persönliches Gespräch mit einer Kontaktperson. Sie hat die Auseinandersetzung und somit die ganze Arbeit auf eine viel persönlichere Ebene heben können. Andernfalls hätte ich lediglich über Liselottes Leben berichten können und ausschließlich Vermutungen über sie und ihren Charakter anstellen können. Für diese tolle Möglichkeit möchte ich mich bei Ihr herzlich bedanken!

Ich möchte mich ebenfalls bei Frau Annemarie Röhrig bedanken. Ihre bereits durchgeführte Recherche war eine große Hilfe und sie war sehr hilfsbereit bei meinen Nachfragen.

Die Erinnerung an Liselotte ist keine Bürde, sondern das Recherchieren ihrer Lebensgeschichte war eine sehr aufschlussreiche Erfahrung für mich. Betrachtet man Einzelschicksale, bekommen die Taten des NS-Regimes und die Zahl der ermordeten Juden im Holocaust einen weitaus größeren Schrecken.

Dieses Schicksal war ein ganz besonderes. Das Leben der Liselotte Sussmann.

Quellen

A. Röhrig, Stolperstein Nr. 64: Liselotte Sussmann,
http://www.stolpersteine-windeck.de/stolperstein-nr-64-liselotte-sussmann/

A. Röhrig, Stolperstein Nr. 62: Georg Sussmann,
http://www.stolpersteine-windeck.de/stolperstein-nr-62-georg-sussmann/

A. Röhrig, Stolperstein Nr. 63: Alma Sussmann,
http://www.stolpersteine-windeck.de/stolperstein-nr-63-alma-sussmann/

Nachtrag

Inzwischen sind uns neue Dokumente zugänglich geworden, und zwar die „Diensttagebücher“ der Königin-Luise-Schule (KLS). Genau genommen handelt es sich dabei nur um Eingangs- und Ausgangsbücher für die Dienstpost. Dennoch werfen sie etwas mehr Licht auf die Schulzeit von Lieselotte Sussmann an der KLS.

So wurde Lieselotte nach einem Schreiben an ihre Mutter vom 9. Juli 1941 in die Klasse 1a aufgenommen. Im Zuge der vorangegangenen NS-Schulreform war die Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre herabgesetzt worden. In diesem Zusammenhang hatte man auch die alten Klassenbezeichnungen (von Sexta bis Oberprima) abgeschafft und durch eine aufsteigende Nummerierung (Klasse 1 bis Klasse 8) ersetzt. Zudem begann ab dem Jahr 1941 das Schuljahr nicht mehr nach Ostern, sondern nach den Sommerferien.

Lieselotte wechselte also ganz regulär zum Beginn des neuen Schuljahres 1941/42 von einer Grundschule auf die KLS.

Dort blieb sie aber nicht lange, denn sie wurde „am 4. Mai 1942 nach Siegburg abgemeldet“. Schon vor dieser Abmeldung, aber auch noch längere Zeit danach gab es jedoch Verwirrungen und eine intensivere Korrespondenz verschiedener Behörden über Lieselotte. Der Grund lag offenbar in dem Bestreben ihrer Eltern, die Identität ihrer Tochter zu verschleiern, insbesondere ihre Klassifizierung nach den Nürnberger Gesetzen.

Im Jahr 1941 unterlag der Schulbesuch von „jüdischen Mischlingen“, wie Lieselotte in der Diktion der Nazis (zunächst) klassifiziert wurde, noch keinen Beschränkungen. Sie durften höhere „deutsche Schulen“ ohne weiteres besuchen, und kurz vor Lieselottes Eintritt in die KLS, im Frühjahr 1941, hatten dort noch drei „halbjüdische“ Mädchen die Abiturprüfung ablegen können. Erst im Juli 1942 wurde auch „Halbjuden“ der Besuch höherer Schulen vollständig verboten.

Man sollte meinen, dass es 1941 also noch keine Notwendigkeit für eine solche Verschleierung gab. Aber entweder ahnten die Eltern von Lieselotte, was über kurz oder lang kommen würde. Oder der „Fall Sussmann“ war doch noch brisanter als bisher gedacht.

Die Korrespondenz mit der KLS im Zusammenhang der Anmeldung von Lieselotte übernahm jedenfalls nicht der (jüdische) Vater, sondern ihre nichtjüdische Mutter. Lieselotte wurde zwar unter ihrem richtigen Namen angemeldet. Aber dass es sich bei ihr um eine „Halbjüdin“ handelte, scheint an der Schule zunächst nicht bekannt gewesen zu sein. Denn als im November 1941 der Schulträger – also die Stadt Köln in Person des Oberbürgermeisters – nach der „Aufnahme jüdischer Mischlinge in die deutsche Schule“ fragte, nannte man die Namen zweier „halbjüdischer“ Mädchen, die bereits seit längerer Zeit die KLS besuchten: Karoline Piechowicz (Klasse 4b) und Ellen Dziadek (Klasse 5b). Lieselottes Name fehlt in dieser Meldung. Erst im März 1942 wurde auf eine erneute Anfrage seitens der Stadt auch Lieselotte Sussmann als „Mischling“ benannt.

Zwei Wochen später, noch im März 1942, kam ein erneutes Schreiben der Stadt. Darin hieß es zum einen, dass „gegen den Besuch der deutschen Schule nichts einzuwenden“ sei im Falle der Schülerinnen Piechowicz (4b) und Dziadek (5b). Man verlangte aber die „Feststellung der Personalien der Schülerin Susssmann“. Vielleicht stand es also in direktem Zusammenhang mit diesen Nachforschungen der Behörden, dass Familie Sussmann im Mai 1942 Köln verließ und in den Raum Siegburg auswich.

Kurze Zeit später, am 2. Juli 1942, wurde durch einen Erlass des Erziehungsministers „Halbjuden“ der Besuch höherer „deutscher“ Schulen verboten; in einem zeitgleichen Schreiben von Minister und Oberbürgermeister an die KLS betreffend die „Zulassung jüdischer Mischlinge zum Schulbesuch“ ging es sicherlich um die Mitteilung dieser Entscheidung. Zwar wurde dieser Erlass nicht überall sofort und nicht überall in gleicher Konsequenz umgesetzt. Dennoch verließ Karoline Piechowicz spätestens im September 1942 die KLS. Ellen Dziadek hätte nach eigener Aussage die Schule ebenfalls verlassen müssen, konnte aber aufgrund des Einsatzes einer Lehrerin noch bis zum Sommer 1943 bleiben und so den Abschluss der 6. Klasse erreichen.

Für Lieselotte Sussmann war die Sache mit dem Verlassen der KLS aber noch nicht zu Ende, wie wir aus der weiteren Korrespondenz erfahren. Im April 1943 gab es eine erneute Anfrage der Stadt an die KLS, „ob Lieselotte Sussmann (jüd. Mischling) die Königin-Luise-Schule besucht“. Daraufhin wurde mitgeteilt, dass die Schülerin „am 4.5.42 nach Siegburg abgemeldet“ worden sei. Bereits wenige Tage später folgte ein weiteres Schreiben des Oberbürgermeisters, aus dem sich ergibt, dass die Sache inzwischen eine neue Dimension gewonnen hatte. Denn jetzt hieß es: „Schülerin Lieselotte Susssmann ist als Geltungsjüdin rassisch eingeordnet worden.“ Und nur kurze Zeit später traf noch ein Schreiben ein, als dessen Absender neben dem Oberbürgermeister nun auch der Polizeipräsident genannt wurde. Im Betreff heißt es: „Lieselotte Susssmann, Köln Aachenerstr. 966, „Geltungsjüdin“. Neues Verfahren.“

 

Auszug aus: Diensttagebuch der KLS vom 20.5.1943 (HAStK Best. 567 A 14)

Worauf diese neue „Einordnung als Geltungsjüdin“ genau beruhte, ist unklar. Die Nürnberger Rassegesetze von 1935 unterschieden zum einen „Volljuden“ (3-4 jüdische Großelternteile, unabhängig von der eigenen Konfession) und „jüdische Mischlinge“ bzw. „Halb- und Vierteljuden“ (1 oder 2 jüdische Großelternteile ohne eigene Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession). Als „Geltungsjuden“ klassifizierte man „Mischlinge, die im mosaischen Glauben erzogen worden waren“. Das müsste eigentlich bedeuten, dass Lieselotte selbst der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte oder zunächst angehört hatte (und vielleicht später zum Schutz christlich getauft worden war, wie es bei den Kindern von Alice von der Heyden geschah, vgl. https://www.koenigin-luise-schule.de/gedenkbuchdetails/alice-von-der-heyden-geb-tuteur-709.html). Die genauen Hintergründe sind uns aber unbekannt.

Sicher ist jedoch, dass diese neue Entwicklung für Lieselotte und ihre Familie überaus bedrohlich war. Als „Geltungsjüdin“ war sie ihrem „volljüdischen“ Vater gleichgestellt und damit wie er allen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Das galt vor allem für die Deportationen in die Konzentrationslager, die im Rheinland bereits Ende 1941 begonnen hatten und inzwischen weitgehend abgeschlossen waren. Offensichtlich waren die Behörden auch auf der Suche nach ihr, unter Beteiligung zumindest der Kölner Polizei. Wären sie ihrer habhaft geworden, hätte Lieselotte wahrscheinlich das Schicksal vieler anderer jüdischer Opfer geteilt, die in die Lager des Ostens deportiert wurden.

Doch die Mühlen der Behörden mahlen oft langsam – wie sich ja auch aus der Korrespondenz ergibt. Noch langsamer mahlen sie, wenn sich die Zuständigkeiten ändern, etwa durch einen Ortswechsel in eine andere Stadt. Insofern könnte das frühzeitige Ausweichen von Köln in den Raum Siegburg tatsächlich genau die richtige Entscheidung der Eltern gewesen sein. So schwierig und gefährlich die folgende Zeit auch gewesen sein mag, gelang es so doch, sich dem Zugriff der Behörden lange genug zu entziehen.

Ez

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