Marianne Gross (verh. Reichartz)

Marianne Gross (verh. Reichartz)

von Ben Burtz

Im Februar 2019 habe ich als Schüler des Leistungskurses Geschichte an der Königin-Luise-Schule mein Praktikum im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln absolviert. Im Zuge meiner Tätigkeiten stieß ich auf die Akte des Kölner Widerstandskämpfers Nikolaus Groß, dessen Schicksal mich persönlich sehr berührt hat.

"Kirchlicher Widerstand" im Dritten Reich ist ein problematisches Feld, denn von einem nennenswerten Widerstand der Kirche als Institution kann keine Rede sein. Wo es Widerstand gab, wurde er vor allem von Einzelnen getragen, die ihrem Gewissen nicht nur ohne Unterstützung, sondern oft sogar gegen den Widerstand der Kirchenleitung folgten.

Ein solcher Mann war Nikolaus Groß, der sich - katholisch sehr engagiert - dem NS-Regime konsequent und von Beginn an widersetzte. Er zählte zum Vorstand der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung und der 1933 verbotenen Westdeutschen Arbeiterzeitung. Während der NS- Diktatur engagierte er sich im "Kölner Kreis" und arbeitete eng mit dem "Goerdeler-Kreis" um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler zusammen. Er wurde im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof in Berlin zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 ermordet.

In den Räumen des heutigen NS-Dokumentationszentrums befand sich damals der Sitz der Geheimen Staatspolizei in Köln. Ich habe mir vorzustellen versucht, wie er nach seiner Verhaftung 1944 in eben den Räumen, in denen ich mein Praktikum absolvierte, inhaftiert und verhört wurde - bis zu seiner Verlegung und Ermordung in Berlin.

Bei der Durchsicht seiner Akte fiel mir auf, dass eine seiner Töchter, Marianne Groß, vor gut 75 Jahren in derselben Schule unterrichtet worden war wie ich. Marianne war zwar nicht offiziell Schülerin der KLS, sondern sie besuchte die Ursulinenschule; aufgrund der besonderen Umstände im Krieg fand der Unterricht jedoch über längere Zeit in den Gebäuden der KLS in der St. Apern-Straße statt, und auch später befanden sich die Schülerinnen beider Schulen in denselben Räumen bzw. an denselben Orten (siehe dazu unten). Marianne hätte – zeitversetzt - eine meiner Schwestern sein können, die auch auf der KLS Abitur gemacht haben. Seitdem nehme ich meine Heimatstadt, ob zu Fuß, mit dem Rad oder per Bahn unterwegs, auch auf dem vertrauten Schulweg mit anderen Augen wahr.

So fiel die Entscheidung für das Thema meiner Facharbeit: Ich wollte mich anhand der Biografie von Marianne Groß mit der Fragestellung beschäftigen, wie sich die Aktivitäten und das Schicksal des Vaters auf sie selbst ausgewirkt haben. Im Folgenden finden Sie eine gekürzte und im Interesse der Lesbarkeit vereinfachte Version meiner Facharbeit.

Frühe Kindheit und Jugend

Marianne wuchs in einer recht gutsituierten Familie im Kölner Agnesviertel auf. Ihr Vater stammte wie auch ihre Mutter aus Niederwenigern/Hattingen. Dort arbeitete er im Bergbau. Nach abgeschlossener Lehre und ersten gewerkschaftlichen Tätigkeiten zog er aufgrund der Verlagerung der KAB-Zeitung, bei der er Sekretär war, nach Köln. Als drittes von sieben Kindern wurde Marianne am 18.06.1927 geboren und kam mit ca. zwei Jahren nach Köln. In der Geschwisterreihe (Nikolaus (Klaus) *1924; Bernhardine *1926; Liesel *1929; Alexander *1931; Bernhard *1934; Helene *1939) lernte sie von vornherein, sich anzupassen, für die anderen da zu sein und zu gehorchen.

Marianne muss unbeschwerte Jahre erlebt haben, denn auch ihre älteren Geschwister beschreiben die Kinderzeit als sorglos und schön. Im Wohnhaus der Familie war viel Platz, und jeder konnte Freunde einladen. Der Vater war als ehemaliger Bergmann relativ wohlhabend.

Undatiertes Bild des Wohnhauses der Familie im Agnesviertel, das „Kettlerhaus“.

Undatiertes Bild des Wohnhauses der Familie im Agnesviertel, das „Kettelerhaus“.
Gleichzeitig diente es als Verbandszentrale der KAB.

(NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Bp 26384)


An der häuslichen Situation änderte sich 1933 zunächst nicht viel. Während der Älteste, Klaus, einen „bunten Freundeskreis“, d.h. auch Freunde aus der HJ, hatte, gibt Marianne in späteren Interviews an, dass sie sich niemals mit HJ- bzw. BDM-Kindern abgegeben habe.

Kinder der Familie Groß mit Freunden, 1933

Kinder der Familie Groß mit Freunden, 1933 (Marianne mittlere Reihe rechts)

(NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Bp 26374)


Die Geschwister sind sich darüber einig, dass sie den Machtwechsel in der Volksschule nicht wahrnahmen, da Lehrer erst später durch regimekonformes Personal ersetzt wurden und der Schulstoff sich unmerklich änderte, d.h. dass der damals 6 Jahre alten Marianne z.B. antisemitische Zeichnungen in Schulbüchern nicht auffielen. So spürten die Kinder aufgrund des Elternhauses eher katholisch-religiösen Druck als einen durch das NS- Regime. Jedoch wurde Marianne früh klar, dass ihre Eltern Gegner des NS-Regimes waren, so wurde z.B. den Aktivisten der HJ oder des Winterhilfswerks die Tür vor der Nase zugeschlagen. Überdies durchsuchte die Gestapo häufig das Haus, und einzelne Familienmitglieder wurden nach späteren Aussagen verfolgt.

Dass die Kinder der Familie Groß aufgrund der Haltung ihres Vaters nie Mitglieder eines NS-Jugendverbandes waren, löste in Marianne zunächst Frustration über das „Nicht-da-zu-Gehören“ aus, machte sie jedoch später stolz. Die Katholische Jugend (KJ) von St. Agnes, der Marianne angehörte, war ähnlich organisiert wie die HJ. Man traf sich mit Gleichaltrigen, unternahm Ausflüge oder versammelte sich zu Liederabenden. Der große Unterschied war jedoch, dass man in der KJ, anders als in der HJ, nicht zu Soldaten oder Vorbilddeutschen ausgebildet wurde; vielmehr sollte hier die katholische Weltanschauung als totales Lebensziel vertieft werden. Auch die Aufmärsche verliefen unterschiedlich, da die KJ in katholischen Vierteln marschierte, während die HJ bei ihren Demos häufig auch mit anderen Gruppen kollidierte. 1938 wurde die KJ schließlich verboten, aber Marianne führte ihre Treffen mit Gleichgesinnten heimlich fort. Sie musste miterleben, wie ihr Bruder Klaus, der katholische Treffen organisierte, 1940 von der Gestapo für 3 Wochen in Brauweiler inhaftiert wurde.

Nicht nur Katholiken sahen sich der nationalsozialistischen Schikane ausgesetzt. Juden waren die zahlenmäßig größte verfolgte Gruppe. Dem bereits seit 1933 geltenden Berufs-verbot gegen Juden widersetzte sich Nikolaus Groß, indem er L. Mildberg, eine jüdische Sekretärin, einstellte. Doch auch sie war nicht vor den Nazis sicher und so musste Marianne mit anhören, wie sie weinend zu Nikolaus Groß sagte: „Die machen uns alle tot“. L. Mildberg wurde wie ca. 11.000 andere Kölner Juden deportiert und im KZ Auschwitz vergast. Eine andere verfolgte Gruppe waren die Kommunisten. Im Agnesviertel, nahe dem elterlichen Haus, wohnten viele von ihnen in einer Siedlung. Auch hier musste Marianne mit ansehen, wie eben diese Siedlung durch die SA zerstört wurde.

Dennoch sagt Marianne als Erwachsene, dass dies sie früher nicht allzu sehr gekümmert habe, da sie noch jung war und „man schnell damit fertig wurde“.

Einschränkungen im Alltag nach Kriegsbeginn

Nach Kriegsbeginn verschärfte sich die Situation für Marianne noch einmal drastisch. Das Leben, wie sie es gewohnt war, konnte nicht ansatzweise weitergelebt werden. Familie Groß musste sparen und war auf die Zuteilung von Lebensmittelmarken angewiesen. Außerdem verloren die Waren zunehmend an Qualität; Worte wie „Magermilch“ oder „Einheitsmargarine“ wurden Standards. Marianne erlebte oft schlaflose Nächte und hatte zunehmend mit Ängsten zu kämpfen, da es immer mehr Luftangriffe gab. Aufgeschreckt musste sie sich oft mitten in der Nacht in einen Schutzbunker begeben.

Als beruhigend erlebte sie, dass der Vater zuhause bei den Kindern bleiben konnte, da er an starken Magenproblemen litt. Ihr Bruder Klaus sowie der Familienfreund B. Letterhaus wurden eingezogen. Marianne musste miterleben, wie Klaus 1943 verschwand (russische Gefangenschaft), während Letterhaus nach seiner Rückkehr aufgrund des Widerstands verhaftet und exekutiert wurde.

Es setzte ihr auch sehr zu, dass die Umgebung ihres Hauses durch Luftangriffe zerstört und z.B. die Agneskirche 1943 von einer Bombe getroffen und erheblich beschädigt wurde. Viele Wohnhäuser in der Nachbarschaft hatten durch Bombenangriffe ebenfalls großen Schaden genommen. In Folge der Tätigkeit des Vaters wurden zudem die Fensterscheiben des Elternhauses eingeschlagen. Marianne half es, dass die Beziehung zu ihren Eltern stabil blieb: Der Vater war immer eine strenge Respektperson, während die Mutter als Ruhepol fungierte.

Schulleben

Marianne wechselte, wie üblich, im Alter von 10 Jahren von der Volksschule auf die höhere Schule und besuchte seit 1937 das katholische Ursulinengymnasium.

Marianne Groß (5.v.l.) auf der Ursulinenschule, 1939Marianne Groß (5.v.l.) auf der Ursulinenschule, 1939

(NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Bp 26381)


Anfangs war das Schulleben normal, die unterrichtenden Lehrer vertraten nicht zwingend die NS-Ideologie. Mit der Zeit änderte sich dies jedoch stark. Das Lehrpersonal wurde, sofern nicht eingezogen, zunehmend ersetzt, z.B. unterrichteten statt der Nonnen regimetreue Lehrer. Die Atmosphäre wurde strenger, da man häufiger Appelle durchführen musste. Auffällig veränderte sich die Situation jüdischer Mitschülerinnen. Sie wurden gehänselt oder verschwanden sogar, wie z.B. Margot Rosenbaum, eine Mitschülerin aus Mariannes Umfeld. Als katholisches Kind fühlte sich Marianne vorgeführt, bspw. wenn es darum ging, ob sie am Vortag beim Sonntagsappell gewesen war. Dies verneinte sie, da sie zur Kirche gehen musste. Infolgedessen war sie dem Mobbing regimetreuerer Kinder ausgesetzt. Trotz der Widrigkeiten im Schulalltag hatte Marianne fest vor, ihr Abitur zu machen.

Nach Kriegsbeginn änderte sich das Schulleben dann extrem. Es mangelte an Lehrkräften, da viele von ihnen zum Kriegsdienst eingezogen wurden. So war nach 1939 nur noch eine Lehrkraft auf 42 Schüler angesetzt. Indes wurde die Schule immer weiter militarisiert. So wurden bspw. in Erdkunde Frontverläufe besprochen und im Sportunterricht „Wehrertüchtigung“ betrieben. Außerdem sollte ab 1942 täglich der Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht sowie der Aufbau und die verschiedenen Waffengattungen der Wehrmacht besprochen werden, um frühzeitig Interesse und Verständnis seitens der Jugend zu wecken.

Im Zuge des Bombenkrieges wurde die Ursulinenschule zunächst beschädigt und schließlich bis auf die Außenwände zerstört. Ab sofort fand der Unterricht im Gebäude der Königin-Luise-Schule in der St. Apern-Straße statt. 1943 wurde auch diese Schule durch Bombentreffer zerstört, nun zogen die Schülerinnen beider Schulen in die Räume des ehemaligen jüdischen Reformrealgymnasiums „Jawne“, nachdem die jüdischen Schüler und ihre Lehrer nach Minsk deportiert und dort ermordet worden waren. Im Sommer 1944 schließlich wurden beide Schulen im Rahmen der Kinderlandverschickung (KLV) gemeinsam nach Bansin auf der Insel Usedom verlegt.

Kinderlandverschickung

Im Rahmen der KLV wurde auch Marianne mit ihrer Schulklasse nach Bansin in Mecklenburg-Vorpommern geschickt. Die Familie war nun zerrissen, da auch ihre Brüder Alexander und Bernhard mit der KLV nach Baienfurth bzw. Herdorf evakuiert wurden; Klaus galt als im Krieg vermisste Person. Statt in einem kriegswichtigen Betrieb zu arbeiten, entschied Marianne sich für die KLV, da ihr dort ein Kriegsabitur zugesichert wurde. Problematisch für sie war, dass die KLV unter der Regie von HJ bzw. BDM stand.

Aus dem KLV-Lager in Bansin schrieb Marianne viele Briefe in der Zeit von Anfang Juli bis Anfang August 1944. Dieser Briefwechsel mit den Eltern zeigt, dass Marianne starken Stimmungsschwankungen ausgesetzt war. Sie schien hin- und hergerissen zwischen Abneigung gegenüber NS-Drill und Indoktrination zum einen und Loyalität gegenüber dem streng katholischen Vater auf der anderen Seite. Vor allem machte sie sich Sorgen um ihren Schulabschluss.

Während Marianne die Strandsituation des Lagers gut zu gefallen schien („…ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie schön es ist!“), spricht sie im Schreiben vom 24.07.1944 ihr Misstrauen gegenüber dem Gauleiter offen aus („Hoffentlich hat er wenigstens einmal die Wahrheit gesagt.“).

In Rundschreiben hielt Mariannes Vater die Kinder über die Situation in Köln auf dem Laufenden. Nach ihrer ersten Rückmeldung, dass sie beten durfte, zeigte sich der Vater beruhigt, als sie ihm jedoch mitteilte, dass religiöse Bilder abgehängt und das Beten verboten wurden, zog der Vater in Betracht, die Tochter nach Köln zurückzuholen. Marianne war ihr Schulabschluss aber nach wie vor wichtig, obwohl sie im Brief von 24.07.1944 an Heimweh zu leiden und zu zweifeln schien, ob sie ihren Abschluss schaffen könne. Hoffnungsvoll wirkte sie im Schreiben vom 29.07.1944 (Zitat: „Ich weiß auch bestimmt, dass ich bis zum Abitur aushalte.“). Auch im Brief vom 29.07.1944 zeigte sie sich wieder optimistisch und froh und sagte, dass sie den Abschluss doch erreichen wolle. Trotz ihrer Zuversicht vom 03.08.1944 äußerte sie aber, dass es ihr vor dem Arbeitsdienst grause. Im letzten Brief wirkt sie wieder sehr pessimistisch und meint, dass „die ganze Verschickung ein sehr großer Irrtum war“. Man kann aus den Briefen erkennen, dass die Beziehung zu den Eltern stetig gut war. Jedoch ist nicht auszuschließen, dass Marianne die positiven Erlebnisse hervorhob, um ihre Eltern nicht zu verstimmen.

Am 11.08.1944 kehrte Marianne nach Köln zurück, um ihre Familie zu besuchen und vor allem dem Arbeitsdienst zu entgehen. Sie wusste aber nicht, dass ihre Mutter bereits auf dem Weg zu ihr nach Bansin war. So musste die 17jährige am 12.08.1944 allein miterleben, wie ihr Vater von der Gestapo verhaftet wurde.

Grund war die Involvierung in das Attentat vom 20.07.1944 durch Claus Graf Schenk von Stauffenberg; an den Vorbesprechungen hatte Nikolaus Groß teilgenommen, an der Ausführung nicht. Im EL-DE Haus war er inhaftiert, bis er über das KZ Ravensbrück nach Berlin-Tegel verlegt wurde. Sein Prozess fand am 15.01.1945 vor dem Volksgerichtshof (VGH) unter der Leitung des berüchtigten Präsidenten Roland Freisler statt, der ihn mit dem zynischen Kommentar verurteilte „Er schwamm mit dem Verrat und muss folglich drin ertrinken“. Das Todesurteil wurde am 23.01.1945 in der Hinrichtungskammer Berlin-Plötzensee vollstreckt. Die Familie durfte nicht anwesend sein. Die Kirche stand in der Haftzeit in keiner Weise mit Nikolaus Groß in Kontakt und vermied von sich aus jegliche Hilfestellung. Das Schreiben um ein Gnadengesuch an den Nuntius Orsenigo erreichte bspw. nur seinen Sekretär, der es nach Aussage von Familie Groß mit den Worten zurückwies: „Für die Verräter des 20.Juli [1944] können wir nichts tun“.

Mit der Verhaftung und Verurteilung des Vaters war Mariannes Schullaufbahn und die ihrer Geschwister jäh beendet; sie waren sozusagen stigmatisiert. Marianne selbst war in den letzten Monaten des Krieges gezwungen, in einer Luftwaffen-Lazarettapotheke in Essen zu arbeiten, desertierte jedoch und kehrte nach Köln zurück, mit dem Risiko, erschossen zu werden.

Marianne (rechts) kurz nach dem Krieg mit ihrer Schwester Liesel (undatiert)Marianne (rechts) kurz nach dem Krieg mit ihrer Schwester Liesel

(NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Bp 26406)

Verarmung der Familie in der Nachkriegszeit

Bereits vor der endgültigen Kapitulation Deutschlands am 08.05.1945 waren alliierte Truppen fast überall auf deutschem Boden eingerückt. Hitler und Goebbels waren tot; andere hohe Parteifunktionäre wurden verhaftet und später in den Nürnberger Prozessen verurteilt. Der Krieg war vorbei und die politische Verfolgung hatte ein Ende. Doch für die Hinterbliebenen eines Widerstandskämpfers wurde das Leben keinesfalls einfacher.

Familie Groß 1953Familie Groß 1953
v. links n. rechts.: Bernhard, Bernhardine, Liesel, Klaus, Elisabeth, Marianne, Helene, Alexander

(NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Bp 26409)


Im Gegenteil: Die ersten Nachkriegsjahre waren für Marianne und ihre Familie nach eigener Aussage sogar schlimmer als die Kriegsjahre. Zwar fand sich die Familie wieder bei der Mutter ein, bis auf Bruder Klaus, der bis 1948 in Gefangenschaft war, doch sie wussten nicht, wovon sie leben sollten. Der Vater fehlte nicht nur als patriarchalisches Familienoberhaupt, sondern auch als Ernährer, was zu extremer Armut führte. Jedes der arbeitsfähigen Kinder schuftete, um überhaupt eine Einnahmequelle zu haben. Die Mutter schlug sich mit Handarbeiten durch und vermietete eines der Schlafzimmer im Auftrag des Hotels „Kölner Hof“.

Marianne bemühte sich trotz der bis in die 50er Jahre prekären Lage der Familie um ihren Schulabschluss. 1949 schaffte sie ihr Abitur und studierte 4 Semester lang Germanistik. Während z.B. die Söhne des NS-Richters Freisler, der auch ihren Vater zum Tode verurteilt hatte, vermutlich studieren konnten, musste Marianne ihr Studium 1951 aber abbrechen, da sich der gesundheitliche Zustand ihrer Mutter verschlechterte und sie somit auch für ihre jüngeren Geschwister sorgen musste. Arbeit fand sie in einem lokalen Verlag und später bei der Kölnischen Rundschau. Sie heiratete 1952 Winand Reichartz.

Ringen um Rente und Entschädigung

Obgleich Nikolaus Groß bereits am 16.06.1946 als Widerstandskämpfer anerkannt worden war, trat diese Bezeichnung offiziell erst mit der Überprüfung der Stadtverwaltung Köln vom 27.12.1958 in Kraft, denn der Familie Groß war nach der Hinrichtung kein Totenschein ausgestellt worden. Das hatte zur Folge, dass den Hinterbliebenen gar kein Rentenanspruch zustand.

Im krassen Gegensatz dazu bekamen die Witwe Freisler und ihre beiden Kinder eine solide Rente. Grund hierfür war, dass Freisler, hätte er den Krieg überlebt, als „Rechtsanwalt oder Beamter höheren Dienstes“ ein beachtliches Einkommen gehabt hätte, rechtlich war dies also durchaus in Ordnung. Seit 1974 erhielt Frau Freisler sogar obendrein eine „Schadenausgleichsrente“.

Aus dem Nachlass der Familie Groß und den persönlichen Unterlagen der Mutter geht hervor, dass es einen ewigen Kampf und teils auch Klagen brauchte, um eine Rente zu erhalten. Dieser Kampf zog sich bis in die 60er Jahre; und selbst, als es zur Auszahlung kam, war der Betrag erschreckend niedrig.

Auf Entschädigung wartete die Familie so gut wie vergeblich. Das Problem in der Wiedergutmachungsfrage war, dass diese nicht an der Zahl der Todesopfer oder der erlittenen Verfolgung gemessen wurde, sondern lediglich an dem Betrag, der in Tagen der Verfolgung hätte verdient werden können. Da die Zeitung, bei der Nikolaus Groß Chefredakteur gewesen war, verboten worden war, fiel dieser Betrag äußerst niedrig aus. Aus den Unterlagen geht hervor, dass Elisabeth Groß selbst die Unkosten, die bspw. durch Besuche bei ihrem inhaftierten Mann entstanden, privat hatte bezahlen müssen. Auf der anderen Seite wurde das Vermögen des „Blutrichters“ Freisler kaum mit einer sogenannten „Sühneleistung“ belastet.

Die Kirche hielt sich in dieser Zeit auffallend zurück. Nach Aussage von Alexander Groß halfen allenfalls einzelne Katholiken wie z.B. Rudolf Amelunxen bei der Klärung der Entschädigung. Auch auf der Ebene der katholischen Gemeindeversorgung war jeglicher Beistand zu vermissen. Es passt kaum zur vorangegangenen Vernachlässigung seitens der katholischen Kirche, dass nach über 50 Jahren, am 07.10.2001, Nikolaus Groß auf dem Petersplatz in Rom von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde. Zu dieser Seligsprechung äußerte sich der Sohn Alexander Groß bereits des Öfteren kritisch. Er sagt, dass sein Vater nicht nur ein frommer Märtyrer gewesen sei, sondern auch ein Mitglied des Widerstands gegen Hitler. Mit der Bezeichnung als Märtyrer und der Seligsprechung des Vaters habe der Vatikan seine eigene Feigheit in Zeiten des Regimes vertuschen wollen.

Lange blieb die wirtschaftliche Lage von Marianne und ihrer Familie schlecht. Die Mutter war bis zu ihrem Tod 1972 unvermögend. Alexander Groß übernahm den Kampf um die Rente. Marianne heiratete später Winand Reichartz; sie leben bis heute in Köln. Dort hielt Marianne gelegentlich Vorträge, wie zum Beispiel 2010 in der Krypta von St. Agnes. Marianne Reichartz starb am 12. April 2020 im Alter von 92 Jahren.

Schlussbetrachtung

Im Schatten des Vaterschicksals ist Marianne Groß außerordentlich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt worden. Darüber hinaus wurde sie jeglicher Chancen beraubt, einen eigenen Lebensplan anzulegen. Ihre Benachteiligungen reichen lange über das Ende der nationalsozialistischen Diktatur hinaus, wenn man sich z.B. überlegt, inwiefern sie über „Gelegenheitsjobs“ für Altersbezüge hätte vorsorgen können. Welche Rentenansprüche würden ihr heute zustehen, wenn sie nicht durch ihren Ehemann versorgt wäre?

Marianne sagt rückblickend, dass ihr Elternhaus sie sehr geprägt habe, vor allem die Strenge ihres Vaters und seine moralische Grundeinstellung. Dieser verdanke sie ihre Opferbereitschaft. Während die strikt katholische Erziehung einerseits Geborgenheit und anfangs auch Schutz vor der NS-Indoktrination bot, bremste sie doch andererseits kritische Denkansätze von vornherein aus.

Befremdlich finde ich in diesem Fall besonders das Versagen der Kirche, sowohl vor als auch nach dem Krieg zu helfen: Obgleich Familie Groß musterhaft katholisch weiterzuleben schien, trotz zunehmender Attacken nach der Machtübernahme, dem Verbot der KJ, trotz Ausgrenzung nach Kriegsbeginn, obgleich der Vater für seine Widerstandstätigkeiten hingerichtet worden war, erhielten die Hinterbliebenen seitens der Kirche keinerlei Beistand.

Auch als die Existenz von Mutter und Kindern nach dem Krieg gefährdet schien, blieben Hilfsinitiativen kirchlicher Stellen völlig aus. Über die fragwürdige Rolle der Institution Kirche im Dritten Reich hinaus warten m.E. Einzelschicksale engagierter Katholiken wie das von Marianne dringend noch auf Aufarbeitung. Ich teile die Kritik von Alexander Groß, dass die Seligsprechung seines Vaters 2001 den Eindruck einer pauschalen Kompensation macht.

Besonders skandalös finde ich außerdem, wie Behörden mit Versorgungs- und Entschädigungsansprüchen von Marianne und ihrer Familie umgegangen sind. Die Leistung von Unterhaltszahlungen an die Hinterbliebenen von Regimegegnern war während des Kriegs unüblich, so erhielt die Familie 1944/45 nach der Hinrichtung des Vaters nichts. Doch auch als er nach Kriegsende als Held hätte gewürdigt werden sollen, mussten die Angehörigen weiter um ihr Überleben kämpfen.

Auch wenn man die Unübersichtlichkeit im zerbombten Köln als Faktor gelten lässt (die Stadt gehörte von 1945 bis zur Gründung der BRD 1949 zur Besatzungszone unter britischer Verwaltung), so muss es Marianne doch als Hohn empfunden haben, dass z.B. Angehörige des NS-Mörders Freisler „ordnungsgemäß“ mit guter Rente versorgt wurden, während ihre Familie litt.

Demgegenüber gab es für Marianne und ihre Familie mangels eines Totenscheines zunächst gar keine Unterhalts- oder Wiedergutmachungszahlungen und später eingeklagt nur in inadäquater Höhe. Bis heute fehlt m.E. das erforderliche Engagement der Versorgungsbehörden, die sich anständig um Belange von Opfern und Hinterbliebenen kümmern sollten.
Es fällt drittens auf, dass im öffentlichen Interesse Schicksale von Widerstandskämpfern und ihren Hinterbliebenen, außer von Stauffenberg und den Geschwistern Scholl, oftmals keine Rolle spielen. Ich frage mich, wie oft in der Nachkriegszeit bis heute z.B. Marianne Groß als Zeitzeugin, etwa in Talkshows, eingeladen worden ist. Auch in investigativen Magazinen ist mir noch nie ein Einzelschicksal wie ihres begegnet, wo Journalisten herausgearbeitet hätten, wie die Gesellschaft bzw. ihre Institutionen Hinterbliebene von z.B. Widerstandskämpfern vernachlässigt haben. Auf der Gesellschafts- bzw. Medienebene müsste m.E. Opfern und Hinterbliebenen, die keine Lobby haben, deutlich mehr Solidarität entgegengebracht werden.

Quellen

Brücker, Vera: Voraussetzungen und Umfeld der katholisch-sozialen Gegnerschaft zum Dritten Reich. Ein Begleitheft zur Ausstellung Nikolaus Groß, Essen 1989;

Brücker, Vera: Nikolaus Groß. Politischer Journalist und Katholik im Widerstand des Kölner Kreises, Münster 2003;

Lutz, Thomas/Meyer, Alwin (Hrsg.): Alle NS-Opfer anerkennen und entschädigen, Berlin 1987;

http://www.eg.nsdok.de/default.asp?typ=interview&pid=30&aktion=erstes (Interview mit Marianne Reichartz; erster Zugriff am 12.2.19)

Danksagung

Bei meinen Nachforschungen hatte ich die Gelegenheit, persönliche Interviews mit den Zeitzeuginnen Marianne Reichartz und ihrer Schulfreundin Irene Seiwert zu führen. Beide unterstützten mich bei dieser Facharbeit jederzeit mit Informationen zur sachlichen und zeitlichen Einordnung der Geschehnisse. Dafür möchte ich ihnen herzlich danken.

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